Jeden Tag in der Vorweihnachtszeit (1. bis 24.12.2023)

veröffentlichen wir hier auf dieser Homepage und bei Facebook eine Weihnachtsgeschichte.

Die nachfolgende Geschichte wurde anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs des NOEL-Verlages im Jahr 2019 im Siegerbuch veröffentlicht.

 

Himmel im Weihnachtsglanz

 

Jana Rösner

 

Pascal drehte sich noch einmal um. Wie jeden Tag stand er am Grab seiner Frau. Helene lag nun seit einem halben Jahr in dem dunklen Verlies unter der Erde, und Pascals Leben wurde noch immer beherrscht von den täglichen Besuchen hier. Jeden Tag eine neue Rose für den Strauß, verwelkte entsorgen. Es war bitterkalt, Pascal schlug den Kragen seines Mantels noch ein Stück höher und hockte sich vor den Grabstein in Form eines Buches. Nicht, dass es große Neuig­keiten zu erzählen gab, denn er tat nicht mehr viel, seitdem er allein war. Noch immer krankgeschrieben ver­suchte er, mehr schlecht als recht, den Haushalt zu erledi­gen, machte sich Fertigsuppen und sah sich Filme an, deren Inhalt er nicht so recht folgen konnte. Er hatte zwei gute Freunde, Alex und Steffen, die ab und zu mal vorbeikamen und mit ihm Kaffee tranken. Sie versuchten, ihn zu Unter­nehmungen zu überreden, doch er lehnte jedes einzelne Mal ab.

Gerade jetzt in der Weihnachtszeit wollte er nichts von all den geschmückten Fenstern, Familienausflüglern zum Weih­nachtsmarkt und dem Geruch nach gebrannten Man­deln wissen. Helene hatte das Haus immer so schön weihnacht­lich geschmückt. Lauter kleine Weihnachts­män­ner hatten überall herumgestanden und an den Fens­tern hing Leucht­deko. Er hatte das immer belächelt, doch heute konnte er nicht mal die Kartons auf dem Dachboden ansehen, ohne zu weinen. Nein, Weihnachten war für ihn ebenso gestorben wie sein ganzes Leben. Nichts war mehr wie zuvor und wür­de es auch nie mehr werden.

„Tja, Helene, was soll ich dir heute nur erzählen? Alex und Steffen waren wieder bei mir und wollten mich aus dem Haus holen. Aber was soll das bringen? Überall glückliche Familien auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken für die Lieben. Da würde ich doch nur wieder anfangen, depri­miert zu sein. Und die beiden Jungs würden sich ärgern, mich überredet zu haben, weil ich die Stimmung verderbe. Also mach ich doch besser, was ich kann, und komme hierher.“

„Hat sie Ihnen schon einmal geantwortet?“ Pascal drehte sich ruckartig um. Eine junge Frau in einem dunklen Win­termantel stand hinter ihm und blickte zu ihm herunter. Pascal wollte sich schon wieder wegdrehen, doch die Frage ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Hatte Helene schon mal geantwortet? Nein, nicht, dass er es bemerkt hätte. Es gingen nicht plötzlich irgendwelche Ker­zen aus, obwohl es keinen Windhauch gab oder etwas in der Art. Das war sowieso alles nur für Filme erdacht.

„Kannten Sie meine Frau?“, fragte er nun zurück.

„Nein, aber ich sehe Sie öfter hier sitzen und frage mich, wie besonders wohl Ihre Verbindung gewesen sein mag.“

„Tja, so besonders wie die Verbindung von zwei Liebenden eben sein kann. Ich wollte mit ihr alt werden, ihr Kinder schenken und all das. Hat aber nicht sollen sein.“

„Und wie lange ist es her?“

„Ein halbes Jahr. Es war ein Autounfall. Ich kann noch im­mer schlecht darüber reden, entschuldigen Sie.“

„Das kenne ich nur zu gut. Es wird mit der Zeit besser, so blöd das auch klingt. Aber es stimmt wirklich, auch wenn man dieses Besserwerden erst gar nicht akzeptieren will.“

Pascal dachte nach. Wollte er denn wirklich, dass es ihm besser ging? War das nicht ein Verrat an Helene?

„Ich bin übrigens Carlotta.“ Sie hielt ihm mit strahlendem Lächeln eine Hand hin.

„Ich heiße Pascal.“ Einer inneren Eingebung folgend stand er nun doch auf und reichte ihr seine. Er hatte sie noch nie im Ort gesehen, aber wer seit einem halben Jahr nichts mehr unternahm, brauchte sich wohl auch nicht wundern.

„Wie lange ist es denn bei Ihnen her?“, fragte er jetzt ehrlich interessiert.

„Zwei Jahre. Ich bin deshalb hierhergezogen. Ich musste raus aus meiner Stadt, konnte das alles nicht mehr sehen. Machen Sie eigentlich auch zwischendurch was anderes als hierherzukommen?“

Pascal schüttelte den Kopf und wandte den Blick zum Grabstein. „Ehrliche Antwort? Ich weiß gar nicht, wie ich jemals wieder klar denken soll. All dieser Weihnachts­quatsch jetzt gerade, das geht mir einfach nur auf die Ner­ven. Überall heile Familien, aber was ist mit denen, die allein sind? Da nimmt doch sowieso niemand Rücksicht drauf.“

„Wie soll die Rücksicht denn aussehen? Haben Sie darauf eine Antwort? Vielleicht gehen Sie trotzdem einmal über den Weihnachtsmarkt. Dann essen Sie mit Helene in Ge­danken einfach ein paar Mandeln oder machen etwas, was Sie früher auch immer gemacht haben.“

Ein eisiger Wind pfiff in seinen Ohren, Pascal dachte kurz nach und drehte sich dann wieder um, um Carlotta für den Tipp zu danken, doch sie wandte sich gerade zum Gehen und sagte knapp: „Ich muss jetzt los. Vielleicht sieht man sich mal wieder.“

Kein Wunder. Wer hält es auch mit einem Miesepeter wie ihm aus.

„Helene, was meinst du, wollen wir das tatsächlich machen? Gemeinsam auf den Weihnachtsmarkt? Na, dann komm, auf geht’s.“ Er erhob sich mit deutlich mehr Elan als zuvor, jedoch war ihm mulmig zumute.

Am Ausgang des Friedhofs grüßte er den Gärtner, der mit einer Schubkarre an ihm vorbeiging.

Es war nicht weit die Straße herunter und er sah schon blinkende Lichter und hörte einen Leierkasten spielen.

Die ersten Menschengruppen kamen ihm entgegen. Es wa­ren kleine Kinder dabei, die wohl ebenso wie er mit dem Trubel nicht so viel anfangen können. Man konnte die Dämmerung schon erahnen und Pascal ging einfach zwi­schen den Menschen hindurch, roch den Glühwein, wurde von grölenden Jugendlichen angerempelt, die wohl einen zu viel davon gehabt hatten.

An der Seite entdeckte er einen Stand mit gebrannten Man­deln und er holte eine kleine Tüte. In Gedanken bot er Helene welche an, aber sie lehnte ab. Schlecht für die Zähne. Doch er liebte die Dinger und langte kräftig zu.

Viel weiter als bis zu dem Stand kam er jedoch nicht. Er fragte sich plötzlich, was ihm einfiel, hier einfach gemütlich spazieren zu gehen. Die Vorweihnachtsstimmung zu genie­ßen, obwohl Helene nicht hier war.

Er konnte das nicht, war noch nicht bereit dafür. Er hoffte, dass er im nächsten Jahr bereit dafür war, aber heute ging es einfach nicht.

Er machte sich auf den Heimweg. Zuhause vor der Tür warteten schon seine besten Freunde, um ihn zu besuchen.

Bei einem Kaffee berichtete Pascal, was ihm heute wider­fahren ist.

„Und, war sie hübsch?“, fragte Steffen und Pascal winkte direkt ab. „Darum geht es doch gar nicht. Hast du nicht zugehört? Ich war wegen ihres Tipps auf dem Weihnachts­markt. Kommt, ein bisschen stolz dürft ihr gern auf mich sein. Ihr wollt doch immer, dass ich mal was anderes mache. Heute war es soweit.“

„Alles klar, du hast dich ziemlich überwunden. Das erkenne ich an. Aber dann kannst du auch beim nächsten Mal mit­gehen, wenn wir was vorschlagen. Das wäre dann noch ein Schritt zurück ins richtige Leben.“ Alex machte imaginäre Anführungszeichen mit den Fingern in die Luft.

„Na, wer weiß, vielleicht sage ich dann sogar zu. Ihr könnt es ja mal probieren.“ Er zuckte mit den Schultern.

Es hatte ihn tatsächlich befreit, diesen, wenn auch kurzen, Spaziergang zu machen. Ihm war schon klar, dass er sich nicht sein Leben lang zurückziehen konnte, aber es braucht alles seine Zeit. Auch die Trauer.

Und heute war es noch nicht das Richtige für ihn gewesen. Aber wer weiß – vielleicht war es in ein paar Wochen schon so weit und er konnte sich weiter wagen, etwas Schönes mit seinen besten Kumpels machen. Helene hätte das sicher gutgeheißen. Sie hatte es gehasst, wenn er schlechte Laune hatte, und so wie jetzt konnte sie sein mürrisches Gesicht von da oben sicher schon nicht mehr ertragen.

Aber er wollte doch ein gutes Bild für sie abgeben, wenn sie schon auf ihrer Wolke saß und zu ihm blickte. Er wollte, dass sie ihn mit offenen Armen empfing, wenn er ihr irgendwann folgte.

Und so kam es, dass er in den nächsten Tagen seine Woh­nung auf Vordermann brachte, sich mal etwas Anständiges kochte. Schließlich hatte er das früher gern gemacht. Und vielleicht konnte man den Duft der Suppe ja bis in den Himmel riechen. Pascal wünschte sich das.

Er ging nur noch jeden zweiten Tag zum Friedhof. Er zwang sich dazu, einen Tag zwischendurch auszulassen. Seine Freunde hatten Recht. Der Gang dorthin konnte nicht mehr sein einziger Lebensinhalt sein.

Jedoch erklärte er Helene in Gedanken an jedem der Tage, an denen er nicht kam, dass er sie trotzdem vermisse, aber so langsam mal aus der Tristheit rauskommen müsste.

Sie würde ihm sowieso in den Hintern treten, dass er ge­fälligst die Wohnung ein bisschen in Ordnung halten solle.

Er musste grinsen und pfiff sogar ein kleines, wenn auch leises Weihnachtsliedchen beim Staubwischen.

Und nur zwei Wochen später, am dritten Adventswochen­ende, war es auch schon so weit. Seine Kumpels kamen herüber und schlugen ihm eine Christmasparty vor, zu der sie unbedingt alle zusammen gehen sollten. Die beiden strotzten nur so vor Vorfreude, schlugen ihm freund­schaft­lich auf die Schulter und freuten sich darauf, endlich mal wieder mit ihm richtig die Sau rauszulassen, wie sie es aus­drückten.

Und plötzlich war es Pascal doch alles zu viel. So eine Farce. Warum machte er das? Warum zwang er sich, ein möglichst normales Leben zu führen, obwohl er sich gar nicht danach fühlte? Er war schließlich kein Junggeselle mehr. Die beiden sollten ihn einfach in Ruhe lassen und ihr eigenes Ding machen. Er hätte all das so gern rausge­schrien, aber er wuss­te ja, dass sie es nur gut mit ihm meinten. Und schließlich hatte er es versprochen.

Er schluckte laut hörbar.

„Okay, wann soll ich wo sein?“, fragte er, bereute es im selben Moment und wusste doch, dass er das seinen Freun­den schuldig war, die ihn nie haben fallen lassen. Die sich immer um ihn gesorgt hatten.

Also zog er sich am besagten Abend ein legeres Hemd an, in dem er sich nicht als völliger Versager fühlte, was ihn aber auch nicht nach einem Aufreißer aussehen ließ, und gelte sich sogar ein klein bisschen die Haare. So ganz run­ter­gekommen wollte er doch nicht daherkommen.

Er blickte nach oben und fragte Helene, ob er gut aussah, aber sie antwortete nicht. Entweder fand sie sein Outfit unterirdisch, oder es war, wie Carlotta angesprochen hatte. Noch nie hatte seine Frau geantwortet, also auch heute nicht.

Diese Carlotta hatte sich scheinbar schon oft mit der Frage auseinandergesetzt und war zu dem Schluss gekommen, man müsse tatsächlich irgendwann ohne den anderen klarkom­men.

Noch einmal atmete Pascal tief durch, nahm sich seinen Schlüsselbund von der Anrichte und zog von außen die Tür hinter sich zu.

Die beiden geschniegelten Typen warteten schon unten auf ihn. „Wo wollt ihr denn hin? Heute den großen Frauenfang machen oder wie?“

Alex antwortete: „Wir sind schließlich nicht mehr die Jüngs­ten, da muss man sich schon ein bisschen Mühe geben.“

Alle drei lachten und riefen sich ein Taxi, um zur Party zu kommen, schließlich wollten sie auf Pascals neuen Mut an­stoßen.

Die Fahrt dauerte nicht lange und in der alten Scheune herrschte schon reger Betrieb. Es wimmelte von Leuten, die alle aufgetakelter nicht hätten sein können.

Drinnen tauchte gedämpftes Licht alles in eine gemütliche Atmosphäre und die Musik war noch nicht allzu laut.

An der Bar holten sie sich ein Bier und suchten sich eine kleine Nische zum Sitzen.

„Also, auf Pascal und seinen Partydrang.“ Steffen lachte und Pascal tat es ebenfalls, während er ein „mach mal halb­lang“ einwarf.

So richtig wohl fühlte er sich noch nicht hier. Helene fehlte, er sah sie an der Bar stehen und sacht hin- und herwiegen. Die hohen Schuhe, auf denen sie so schlecht laufen konnte und die perfekten Hüften, die sich im Takt der Musik be­weg­ten.

Irgendwann fing er an, ein bisschen auf- und abzugehen. Die Musik wurde lauter und lauter, immer mehr Menschen tanzten.

Zurück in der Sitzecke vom Anfang fand er Steffen knut­schend mit einer sexy Blonden.

Pascal musste grinsen und ging dann doch weiter. Auch Alex tanzte eng umschlungen mit einem schlanken Model.

Ziellos ging er weiter, schlängelte sich an tanzenden oder auch herumstehenden Leuten vorbei, ihm dröhnte die Musik in den Ohren. Und nicht nur darin dröhnte es für ihn. Alles war ihm plötzlich zu viel.

Die Menschen hatten Spaß und feierten das Leben. Er dagegen konnte das einfach nicht. Er hatte es versucht, es hatte nicht geklappt und nun musste es auch gut sein.

Er schrieb seinen Kumpels eine Textnachricht für den Fall, dass sie ihn irgendwann suchten und anrufen wollten.

Dann verließ er die Scheune. Es war kalt geworden draußen und er zog den Kragen seiner Winterjacke höher. Erst jetzt nahm er die weihnachtliche Dekoration im Außenbereich wahr. Die Tannen, die vor dem Eingang standen, waren mit Lichterketten behangen und riesengroße, leuchtende Weih­nachtsmänner begrüßten die weiteren Ankömmlinge.

Noch immer gab es eine lange Schlange beim Eintritt, und Pascal gönnte ihnen allen den schönen Abend. Nur er würde keinen haben.

Trotz der Dunkelheit würde er jetzt Helene einen Besuch abstatten. Er würde ihr erzählen, dass er einfach noch nicht soweit war.

Der Weg zum Friedhof war zwar weit, aber dennoch ging er ihn zu Fuß. Die kalte Winterluft tat ihm gut und er schlen­derte durch die Stadt, am Weihnachtsmarkt vorbei, wo ge­rade die Lichter ausgemacht wurden.

Das halbhohe Eingangstor zum Ort der Stille hatte jemand aus Versehen oder aus Faulheit offengelassen. Er ging hin­durch und verschloss es ordentlich, so wie er es gewohnt war.

Keine Menschenseele begegnete ihm auf den schmalen We­gen zwischen den Steinen und den liebevoll bepflanzten Gräbern. Pascal bekam eine Gänsehaut, denn diese Situa­tion war ihm völlig neu. Und sehr intensiv. Als wäre er mit Helene völlig allein.

Ein paar Straßenlaternen beleuchteten die Wege, aber He­lenes Grab lag so gut wie im Dunkeln. Das machte Pascal allerdings nichts aus. Kannte er doch den Weg hierher wie seine sprichwörtliche Westentasche, die Schrift auf dem Grabstein hatte sich fest in sein Hirn eingebrannt und die Blumen hatte er sowieso seit Tagen nicht gegossen. Ver­mut­lich gaben sie ein erbärmliches Bild ab. In Gedanken ent­schuldigte sich Pascal bei seiner Frau.

Er setzte sich auf den eiskalten Boden vor das Grab und als er einen Blick um sich herum warf, entdeckte er einige bunt leuchtende Lampions.

Er rieb sich die Augen und sah sich erneut um. Aber tat­sächlich, die Lampions waren immer noch da. Nur, wo kamen die so plötzlich her? War es nicht irgendwie ma­kaber, auf einem Friedhof bunte Leuchten anzubringen? Vielleicht wurde hier ein runder Nicht-Geburtstag zele­briert. Pascal wusste es nicht, aber es faszinierte ihn auf geheimnisvolle Art und Weise.

„Helene, heute ist ja richtig was los hier bei dir. Da kann ich mit meinen Party-Erzählungen, die nicht der Rede wert sind, gar nicht mithalten.“ Und wieder ging eine zusätzliche Lampe an.

Er schaute sich weiter um, konnte aber niemanden ent­decken. Gingen die Lampen automatisch an? Oder war je­mand hier, der sie anschaltete?

Es war der Abend vor Weihnachten und da konnte es schon mal vorkommen, dass bunte Leuchten angebracht wurden, auch auf dem Friedhof. Oder?

„Tja, Weihnachten auf dem Friedhof. Das hätten wir vor kurzem auch noch nicht geglaubt, was?“

Er musste sogar ein bisschen grinsen, doch nun ging wieder eine Lampe an.

„Helene?“, fragte er ungläubig in die Stille hinein. Ihn frös­telte. Lag das an seiner Nervosität oder zogen die Tempera­turen noch weiter an? Vielleicht wurde ja das Unmögliche doch noch wahr – vielleicht war das die Antwort von ihr, auf die er immer gehofft hatte.

Doch er musste an Carlotta denken. Sie hatte ihm die Au­gen geöffnet – er würde keine Antworten erhalten. Dies war definitiv kein Zeichen, sondern irgendeine andere Ku­rio­sität.

Und da, ganz plötzlich, sah er aus dem Augenwinkel eine Gestalt, die sich auf ihn zu bewegte. In der Dunkelheit konnte er nichts als Konturen ausmachen, aber er ahnte instinktiv, wer das nur sein konnte.

„Carlotta.“ Mehr brauchte er nicht zu sagen, um es sich selbst zu bestätigen.

Sie kam auf ihn zu mit ihren leichten Bewegungen, und trotz der dicken Jacke schwebte sie nahezu.

Pascal hatte sie zuvor nur einmal gesehen, und doch schlug sein Herz ein bisschen schneller, als er sie jetzt sah. Sie strahlte, als sie näherkam.

„Hey, doch nicht auf Frauenfang? Ich hab dich am Eingang der großen Party gesehen.“

„Du warst auch da?“

„Na ja“, sie zuckte mit den Schultern, „ich dachte, es könne nicht schaden, mal unter Leute zu gehen.“

„Und, hat es geschadet?“

„Ich glaube nicht, aber ich bin noch vor dem Eintritt umge­kehrt. Es war mir zu voll und zu laut. Ich habe es lieber leiser.“

„Genau wie ich. Deshalb ist das hier auch heute wieder mein angestammter Platz. Sind dir die schönen Lampions aufge­fallen? Ich finde, es hat etwas, dass am Vorweih­nachtsabend auch hier ein bisschen feierliche Stimmung auf­kommt.“

„Wusste ich doch, dass es dir gefällt.“ Sie strahlte ihn mit einem ehrlich glücklichen Gesichtsausdruck an. Und er hob nur eine Augenbraue und sagte nichts.

„Am Grab meines Freundes habe ich das auch gemacht. Doch viele Leute störten sich daran. Es sei schließlich ein Friedhof. Doch ich finde, dass es ein Ort des Zusam­men­seins mit den Verstorbenen ist. Und warum sollte man da nicht am Vorweihnachtsabend zusammen mit den Men­schen, die im Himmel sind, die Stimmung genießen? Na ja, es wurde mir im zweiten Jahr dann verboten. Und ich dachte, du wärest ein Mensch, dem das gefallen könnte. Deshalb habe ich es rund um Helenes Grab ein bisschen nett ge­macht.“

Pascal besah sich alles noch einmal eingehender. Jetzt erst fiel es ihm auf. Rings um Helenes Grab waren die Lampen verteilt. Sonst nirgendwo. War das zu übergriffig von Car­lotta, oder fand er das gut? Wenn er ganz tief in sich rein­hörte, ja. Auf jeden Fall. Es wäre für Helene toll ge­wesen und das war die Hauptsache.

„Aber woher wusstest du, dass ich heute noch einmal hier­herkomme?“

„Ich wusste es nicht, aber ich war mir sicher, dass es dich nicht stören würde, wenn ich es einfach so täte.“

Carlotta war eine Person, die Pascal beeindruckte.

Er brauchte keine Partys und Aufmunterungen, sondern genau dies hier. Sie half ihm ungemein, mit der Situation klar­zukommen.

Und wenn er zur Seite guckte und das zarte Profil von Carlotta ansah, wollte er wieder in die Zukunft blicken.

„Und, was sagst du denn nun? Gefällt es dir?“

Erwartungsvoll starrte sie ihn an und zappelte mit ihren Händen.

Pascal jedoch brauchte keine Worte, er nahm eine ihrer Hände und hielt sie ganz fest.